Presseartikel und Kritiken
"(...) In der Malerei von Ralf Altrieth gibt es eine Großzügigkeit, die ihre eigene Sprache hat, bildhaft und farbenfroh, ohne die Farbe zu einem Glaubensbekenntnis zu machen, witzig, ohne karikaturhaft sein zu wollen, fröhlich, ohne Idealismus, energisch, ohne laut zu sein, kurz gesagt, eine tief menschliche Sprache."
— Bernard Pignero, Schriftsteller
"(...) Seine durch Gesten und Farben ausgedrückte Sprache beschreibt eine Welt, die offen ist für neue Stimmen und bisher unerprobte Erfahrungen. Seine Gemälde und Papierarbeiten belegen, dass die Malerei nach wie vor ein wichtiger Ausdruck der zeitgenössischen Kunst ist.
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Bildliche Gedichte, Dr. Friedhelm Häring, Kunsthistoriker und Museumsdirektor
In
den Arbeiten von Ralf Altrieth, so in der großen Arbeit „Jimmy
Schwarzwälder, Poet“, tummelt sich Vielerlei. In dem aus mehreren
Farbschichten sich aufbauenden lebendigen Teppich aus Alltag und
Erinnerungen, Assoziationen und spontaner Aussage in der
Farbniederschrift fängt er Sterne und Figuren, Pilz und Hund, Vogel und
Baum so dicht und lebendig ein, dass der Betrachter mitgerissen wird, in
der Ebene des Bildes Räume und Zeiten zu durchmessen und in den
Rhythmus dieser halbabstrakten und doch figurativen Malerei
einzutauchen. Die Dinge, zum Beispiel Pilz und Hund, werden in einem
großzügigen Dirigat aus bunten Pinselstrichen umfangen. Aus ihren
Gründen leuchten viele Farben in den Betrachterraum und verbinden sich
mit dem Lineament zu einer dynamischen Präsenz, einem Simultaneindruck
von Bildklang. Die subjektive Imaginationsfreiheit des Künstlers, die
auf Geruch und Geräusch, Traum und Welt reagiert, initiiert eine nicht
reale Bildwelt. Wie in einem torkelnden Flug der Herbstblätter verbinden
sich die Motive, auch solche die nicht zusammengehören zu einem
surrealen Gesamt. Diese simultanen Grafitti des Unterbewussten haben
ihre Väter in der Kunst von Paul Klee, Jean Miro oder Cy Twombly. Völlig
falsch wäre es, zu den genannten Künstlern eine Abhängigkeit zu
konstruieren. Die Arbeiten von Ralf Altrieth sind so unkonventionell und
heutig, eigenwillig und kraftvoll lebendig, dass sich jede Abhängigkeit
ausschließt.
Die sprachliche Kennzeichnung als unterbewusst oder
surreal könnte zudem auf ein falsches Gleis der Beurteilung führen.
Diese Worte sollen die Tatsache unterstützen, dass die Niederschrift des
Gemäldes verhältnismäßig unverstellt und unmittelbar, ohne die
Zögerlichkeit des Handgelenks, erfolgt.
Wie „Jimmy Schwarzwälder,
Poet“ ist auch eine andere Arbeit gleichzeitig bedacht gebaut. Bei aller
Wildheit und Freiheit zeigt „Création d’une nouvelle réalité“ die für
eine wirkliche Nachricht oder Novelle notwendige Struktur. Form ist
Information. Die beherrschende Form ist der Kinderwagen mit seinen
Rädern. Dieser Kinderwagen wird von einer ausgezehrten Mutter geschoben,
die rechts steht. Sie wird durch ihre nährenden Brüste in einen
unmittelbaren Zusammenhang mit dem Kind im Kinderwagen gesehen. Aus
ihrem großen, mit wild kreisenden Strichen überzogenen Kopf leuchten die
Augen fragend und erschrocken hervor. Hinter dem Kinderwagen steht ein
Alien, ein dürres Monster, der Erzeuger oder eine gesprächige Verwandte?
Wie auch immer, Leben wird gezeigt im 'movens' seiner Malerei, das, wie
das Leben selbst, um die Ahnung seines Endes kreist und nach dem Sinn
fragt. Ludwig Wittgenstein veröffentlichte 1920 seinen Tractatus
logico-philosophicus, den er schon als Soldat im ersten Weltkrieg an der
östereichischen Ostfront begonnen hatte. „Der Sinn der Welt muß
ausserhalb ihrer liegen, denn in der Welt ist alles, wie es ist und
geschieht alles, wie es geschieht...“ lautet Erkenntnis 6.41 in seinem
Buch.
Das ewige Kreisen von Zeugung und Vergehen ist wie „Le vent sur
sa peau“. Dieser anrührenden Wärme kann man kaum widerstehen. Wie in
einem Netz ist man gefangen, wenn die Zikaden in der Mittagshitze ihren
Liebesgesang lockend in den Äther schicken, ein sanfter Wind schmeichelt
unter dem Textil der Frau links und streichelt die Haut, nach der der
liebeskranke Gockel auf seinem Stuhl rechts sich sehnt. So könnte man
die Geschichte auch erzählen, zumal der Maler der Figur rechts einen
Vogel auf die Schulter gesetzt hat, seit Jahrhunderten ein Symbol für
Erotisches. Das Netz unter dem die Frau gefangen scheint, ist grob von
links oben nach der Mitte hin über den Malgrund geschlagen. Der Kopf der
Frau ist überproportional groß, der Hocker, auf dem die andere Figur
sitzt, ist viel zu klein für so viel Masse. Wieder wird deutlich, dass
die Linie ein kallligrafisches Mittel ist, schnell, spontan, lebendig,
um Zeichen, Inhalte und Formen zu umschreiben und aneinander zu binden.
Mit den Farben verwächst sie zur deutenden Kraft , zu einem dynamischen
Klangakkord, aus dem uns – als geistige Alternative – emotionale
Antworten auf die Realität entgegenkommen. Es liegt viel Poesie in
diesem Bild, wie in allen Bildern unseres Künstlers. Sie sind voller
narrativer Chiffren, voller Märchen. Die Unmittelbarkeit und Intensität
seiner Bildkraft schweißt Natur, Ding, Tier und Mensch zusammen, mit,
wie wir sehen, differenzierter inhaltlicher Aussage.
Die Striche
und Formen sind dennoch brutal wie in „Envie de form“. Hier ist die
originäre, bewusst naive Figurentechnik besonders deutlich. Wer da wen
um seine Figur beneidet bleibt offen. Grob ist die Leinwand in
Farbfelder geteilt. Oben ein Elch, Hirsch oder Ren mit Geweih, weiß, mit
nur zwei Beinen vorne. Es folgt ein riesiger Kerl mit einem
Fantasiegebilde auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund. Der Kopf ist wie
eine Rübe geformt, was es schwierig macht, vom Mund zu sprechen. Dann
ist links ein schwarzes Gebilde mit Kopf, Armen, Füßen. Diese
Figurationen erinnern an Wandkritzeleien, führen gezielt in eine
Trivialität, die das Trennende zwischen einer harmonikalen Welt der
Ideen und einer unmittelbaren Primitivität niederreißt. Dies trifft auch
für „Ah, t’es encore là“ zu. Ein schwarz gekritzelter großer
Männerkopf, links, steht einem ebenso großen rotstrichigen Frauenkopf
gegenüber. Unten rechts ein Hundegebilde. Die Ursprungsformen finden
wollten Jean Dubuffet oder Karel Appel, um in dieser gewonnenen
Primitivität das Reine, Unverbrauchte wiederzuentdecken.
In diesem
Sinne sind die Malpoeme des Ralf Altrieth ein reiner, kindhafter Gesang.
Aus seinem Pool der Improvisationen befördert er eine unverstellte Welt
spontaner Freuden und großer Anregungen. Das Erstaunlichste aber in
seinen Bildern ist die sich mitteilende Liebe zu den menschlichen
Befindlichkeiten.
Laurent Puech, historien de l'art et conservateur au château d'Assas, aide à la visite
Le château d’Assas est fier de présenter au public une exposition monographique consacrée au peintre Ralf Altrieth. Empreintes d’une vitalité insolente, mixant les rythmes à même la matière picturale par la transparence et le recouvrement, ses toiles renouent avec des manifestations sur la peinture contemporaine qui n’étaient plus produites ici ces dernières années.
Les débats sur la peinture sont vifs en France où les dernières avant-gardes du vingtième siècle ont tourné le dos au tableau. Mais une telle rupture avec le système de représentation et ses procédures picturales n’est pas irrévocable. Nombre de grands peintres français comme Pierre Soulages (né en 1919), Martial Raysse (né en 1936) ou Noël Dolla (né en 1945)* connaissent une activité ininterrompue sur la scène internationale qu’à l’inverse de leurs prédécesseurs du premier XXe siècle, ils ne devancent plus. Les américains, les allemands et plus généralement la sphère anglo-saxonne, dominent aujourd’hui la création picturale avec des artistes célèbres dont David Hockney (né en 1937), Gerhard Richter (né en 1932), Marlène Dumas (née en 1953) ou Mark Bradford (né en 1961) qui ne cessent de la réévaluer.
En 2015, la 56e biennale de Venise a mis en avant la violence d’expression de la peinture avec le raccourci saisissant d’autoportraits géants de Georg Baselitz (né en 1938) aux tableaux déployés dans l’espace de Katharina Grösse (née en 1961) qui projette la couleur au pistolet sur des bâches hautes de plusieurs mètres. Le geste et la matérialité de la peinture sont repensés par ces deux artistes avec une véhémence expressionniste décidemment actuelle.
Ralf Altrieth (né en 1966) s’inscrit dans la veine du nouvel expressionnisme allemand sans appartenir à une école précise tout au plus a-t-il, comme en musique, reçu les bases d’une formation auprès de prestigieux initiateurs** sans aller plus avant dans le perfectionnement d’un simple vocabulaire esthétique. Ce peintre et saxophoniste ne cherche pas une formule définitive mais l’invention toujours renouvelée d’affinités émotionnelles et expressives.
Originaire d’une terre aussi féconde que disputée, fraternel pays d’accueil du Refuge huguenot dont de nombreux traits se sont fixés au cours des siècles des coteaux viticoles du Neckar à la capitale financière de l’Allemagne, Francfort, Ralf Altrieth se tient à distance de sa mère patrie sans être devenu résolument français pour autant***. Sans doute entretient-il ainsi son indépendance d’esprit et sa liberté d’agir comme plasticien en se tenant à l’écart d’enjeux notamment esthétiques limités au cadre national. Comme dans l’improvisation jazzistique, les superpositions et les effacements ouvrant ou refermant l’espace, construisent une dynamique pour chacune de ses pièces. L’inscription d’idéogrammes, l’élémentarisation de graffitis, les traits récurrents de la figure humaine et animale y construisent une superstructure scripturale où se devine le monde tel qu’il le voit du dedans. Contre la pureté esthétique et les vérités morales de l’art du passé s’aperçoit, du dehors, le monde parfait qu’il nous a promis.
Axé sur la densité de l’instant et conservant sa spontanéité, Ralf Altrieth s’attache à produire des œuvres dénuées de théâtralité. Pareil au sportif ou au musicien, son acte performatif ne souffre aucun différé dans sa narration comme l’hétérogénéité de la surface picturale de ses œuvres en témoigne. L’influence de Pablo Picasso (1881-1973), de Jean Dubuffet (1901-1985) ou celle de Jean Michel Basquiat (1960-1988) ne ferment pas une vision construite sur le renouvèlement. Les expressions plastiques très affirmées que l’on pourrait presque les qualifier d’audibles, surtout à l’endroit d’un musicien de jazz comme Ralf Altrieth, portent toutes une part essentielle de révolte. Fortement empreinte d’enfance, traversée par les maladies de l’âme adolescente et la guérison de l’âge d’homme, la singularité farouche de ce jeune peintre délivre un caractère universel qu’il sait partager comme cette présentation, exceptionnelle par sa densité, en témoigne,
Laurent Puech,
commissaire de l’exposition
* du groupe Support(s)/Surface(s)
** notamment dans l’atelier de Georg Schaible (1907-2007) peintre et graveur allemand représentant du « réalisme expressif »
*** Ralf Altrieth vit et travaille en France depuis 2006
Laurent Puech, historien de l'art et conservateur au château d'Assas, entretien avec Ralf Altrieth
„Die perfekte Welt“, auf eine gewisse Weise ist der Titel, den Sie für diese Ausstellung gewählt haben, sehr genau in Bezug auf Ihre Beziehung zu anderen und zur Gesellschaft. Er stellt eine Feststellung dar, die nicht ohne eine gewisse Ironie ist, während er eine zukünftige Konstruktion anspricht, die durch Ihren plastischen Ausdruck entdeckt wurde. Auf jeden Fall kann diese Formel auf zwei verschiedene Arten verstanden werden: Entweder handelt es sich um ein Projekt in der Entstehung oder um eine gegenwärtige Realität. Könnten Sie uns Ihre Position näher erläutern?
Ja, es gibt Ironie, aber nicht nur. Ich sehe diesen Titel auch als eine Herausforderung, eine Gebrauchsanweisung, einen Glauben, ein Spiel, eine Behauptung, eine Provokation, die an die gegenwärtige Realität gerichtet ist.
Etwas Perfektes ist fehlerfrei. Aber ein festgestellter Fehler ist immer relativ, subjektiv, aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet. Es gibt keine absolute Wahrheit darüber, was ein Fehler ist oder nicht. Diese Theorie ist zwar extrem, aber wenn man die Überlegung weiterführt, könnte man sagen, dass ein offensichtlicher Fehler im absoluten Sinne keiner ist. Die Welt ist also perfekt.
Meine Malerei funktioniert ein wenig so. Ich versuche, die Kunst zu kultivieren, aufmerksam für Zufälle und Fehler (Mängel, Missgeschicke, Störungen, störende Details, ...) zu bleiben, die während des Arbeitsprozesses auftreten können und die letztendlich oft sehr vielversprechend sind.
Ich gebe zu, dass es Dinge gibt, die im ersten Moment unbeabsichtigt im Akt des Schaffens geschehen, die stark, groß, wichtig sind und die Teil meiner Malerei sind, ebenso wie die beabsichtigten Dinge (Impulse, Ideen, Konstruktionen usw.), mit denen ich arbeiten muss.
So stelle ich meine Mittel, meine Fähigkeiten und mein Know-how nicht in Frage. Ich akzeptiere alles, was mir zur Verfügung steht, und das eröffnet mir überraschende Perspektiven.
Wir haben mehrmals über die Kunstgeschichte und die Einflüsse gesprochen, die bewusst oder unbewusst Ihre Schöpfung durchdringen. Sie sind zahlreich, aufrichtig geliebt und keine ist dominant. Es schien mir jedoch, dass Sie aufgrund Ihres Profils als Musiker und Künstler die Figur von A. R. Penck (1939-2017) hervorheben, einem Künstler, der viele Jahre in der DDR isoliert und verfolgt wurde und später, spät, 1980 im Westen internationalen Erfolg hatte. Im Vergleich zu den deutschen Malern des Neo-Expressionismus, zu dem er gehört, ist er derjenige, der ein Universum von außereuropäischen grafischen Zeichen wie der Kalligrafie modelliert und außerhalb des gewohnten Rahmens der „historischen“ Malerei wie dem Graffiti arbeitet. Findet seine Einzigartigkeit und seine Ablehnung, zu irgendeinem Nationalismus zu gehören, einen Widerhall in Ihnen?
Natürlich ist es die Einzigartigkeit, die einen großen Künstler definiert. Sie fügt etwas Neues hinzu. Es kann einfach etwas Einzigartiges, Besonderes sein. Es ist nicht notwendig, die Malerei vollständig zu revolutionieren.
Und es scheint mir ziemlich logisch, dass die Singularität nicht gut mit der Idee vereinbar ist, zu einem Nationalismus oder einer beliebigen Gruppe zu gehören. Man sieht gut, dass die Gruppen von Malern (Dada, Surrealismus, Cobra, Expressionismus, ...) nie wirklich gut funktionierten, jedenfalls nicht lange. All diese Künstler, die zu solchen Gruppen gehörten, waren mehr oder weniger singuläre Künstler, die versucht haben, das Bedürfnis verspürten, sich in Gruppen zusammenzuschließen. Aber das ist nicht möglich. Es sind tatsächlich ihre Werke, die sie näher zusammenbringen, die sie vereinen, weil man darin Ausdrucksformen findet, die sich widerspiegeln, die sich ähneln wie die Mitglieder einer Familie.
Das ist der Fall bei Penck, den ich liebe, aber ohne ihn jemals zu nah zu betrachten (lieben heißt auch, ein wenig Abstand zu halten). Auf jeden Fall ist sein Werk außergewöhnlich, absolut singular, er ist unklassifizierbar und gleichzeitig wird er in die Familie der neo-expressionistischen Künstler, genau genommen der deutschen, eingeordnet. Man sollte das vielleicht nicht zu ernst nehmen. Wer sind eigentlich die deutschen Neo-Expressionisten? In Zahl gibt es nicht viele.
Aber um konkreter über seine Malerei zu sprechen, gibt es einen malerischen Aspekt bei Penck, der mich sehr fasziniert: Er ist in der Lage, große Leinwände, sehr große Leinwände mit einem einzigen Pinselstrich und in einer einzigen Schicht zu schaffen; er bringt keine zweite Schicht, keine dritte usw. an. Es gibt keine Texturqualitäten, und das ist nie störend, es funktioniert, und vielleicht findet man hier den Musiker wieder: es vibriert, es tanzt, es klingt.
Curiosamente für mich sind Sie auch an der Malerei von Gérard Garouste (geboren 1946) interessiert, deren man sagen kann, dass sie voller Referenzen an alte Meister wie Tintoretto, an biblische Spiritualität und sogar an die mystische Offenbarung des Talmud ist! Wäre sein künstlerischer Werdegang, der den entscheidenden Einfluss von Jean Dubuffet (1901-1985) umfasst, eine stärkere Verbindung zu ihm als seine eigene Ausdrucksweise?
Zuerst eine Anmerkung: In unserem Gespräch, als wir über Garouste sprachen, dachte ich an El Greco. Ich weiß nicht, warum ich Tintoretto gesagt habe. Vielleicht sollten wir hier den Namen El Greco anstelle von Tintoretto verwenden. Ich finde, dass es wirklich Gemeinsamkeiten in ihren Malereien gibt. ("Vision des Heiligen Johannes" oder "Der Lächerliche" zum Beispiel)
Es ist immer der Ausdruck selbst, der mich mit einem Künstler verbindet. In einem Museum, in einer Ausstellung, nehme ich das Werk auf, ich lese keine erklärenden Texte (vielleicht später, zu Hause). Es ist, als ob ich ins Kino, ins Theater oder ins Konzert gehe. Ich tauche ein. Ich habe das Bedürfnis, mit der Malerei zu sein. Sie ist dafür gemacht. Gérard Garouste beendet einen Absatz in einem Interview mit den Worten: "Und doch, Sie wissen es, ein Gemälde hat nichts zu sagen, es ist einfach".
Ich bin damit vollkommen einverstanden. Die Malerei ist einfach, und ich bin einfach mit ihr. Und ich kann sehr gut mit der Malerei von Gérard Garouste sein. Nur mit seinen Bildern brauche ich mich nicht für den Kontext, die Quellen, die Ideen zu interessieren. Das bestätigt er übrigens selbst.
Ja, ich mag seine Malerei. Besonders seine Jahre in den Achtzigern, die so reich und so einzigartig sind, es gibt Klassisches neben Art Brut und auch abstrakter Kunst, das ist fesselnd. Es ist eine Malerei, die mich nährt.
Ich wusste nicht, dass Jean Dubuffet einen großen Einfluss auf ihn hatte. Aber letztendlich überrascht es mich nicht. Ich mag die Malerei beider. Und ich mag die Malerei von El Greco.
Aber Garouste zu erwähnen, bedeutet auch, den Übergang einer schweren psychologischen Depression im Leben eines Künstlers zu erwähnen. Ihre eigene Ausdrucksweise berührt manchmal diesen Punkt des Ungleichgewichts und lässt vermuten, dass Sie dieser Frage der psychischen Darstellung, die insbesondere von Jackson Pollock gefordert wurde, nicht gleichgültig gegenüberstehen, der von seinen Gemälden als „innere Wände“ sprach.
Es ist einfach unmöglich, Kunst in einem Zustand des Gleichgewichts zu schaffen. Andernfalls tut man es nicht. Sonst ist es Handwerk, Illustration, Dekoration oder etwas anderes. Vielleicht verspürt man das Bedürfnis, etwas auszugleichen. Aber so oder so gelingt es einem nicht. Nicht lange jedenfalls. Es kann also auch keine Therapie sein. Man heilt nicht dabei. Ungleichgewicht ist nicht unbedingt eine Krankheit. Das ist das Schicksal eines Malers. Man kann nichts daran ändern, man muss damit leben.
Also ja, die psychischen Elemente sind grundlegend. Aber für mich geht es nicht darum, das Psychische darzustellen. Außerdem mag ich das Wort „Darstellung“ im Allgemeinen in der Malerei nicht besonders. Ich finde, dass jede Malerei im Grunde abstrakt ist, selbst ein Apfel in einem Stillleben.
Das führt uns zurück zu dem, was ich oben erwähnt habe: dass die Malerei „nichts sagt, dass sie einfach ist“.
Also ja, die psychischen Zustände sind Teil meiner Malerei, aber sie sind nicht dargestellt.
Und muss man nicht auch ein wenig aus dem Gleichgewicht sein, um einen Apfel malen zu wollen?
Als Jazzmusiker und Maler wechseln Sie je nach Moment von einer Disziplin zur anderen, weshalb es bei Ihnen niemals Wiederholungen gibt. Sie erfinden ständig mit einem Gespür für den gegenwärtigen Moment. Bedeutet das auch, dass Sie eine Leichtigkeit des Seins beanspruchen, anstatt in diese manchmal schwere Tiefe zu gehen, die Künstler anzieht, die sich für spirituelle Führer halten?
Es ist verrückt, beides machen zu wollen, und ich habe mehrmals in meinem Leben versucht, eines davon aufzugeben. Gleichzeitig hat mir die Idee, mich nicht nur auf eine dieser Disziplinen zu beschränken, immer gefallen. Gerade um vielleicht leichter und freier zu bleiben.
Auf jeden Fall ist es entscheidend, immer Abstand und Distanz zu wahren, und für einen Maler scheint mir das die wesentlichste und offensichtlichste Sache zu sein. Es liegt in der Natur der Malerei selbst, egal welcher Art von Malerei: Wenn Sie abstrakt, Landschaften, Stillleben, figurativ, expressiv oder anderes malen, ist der Abstand im Akt des Malens angelegt und natürlich auch im Akt des Wahrnehmens der Malerei.
Aber ich muss hinzufügen, dass ich in den letzten Jahren sehr auf die Malerei konzentriert bin. Die Musik ist ein wenig in den Hintergrund gerückt, aber sie nimmt wieder ihren Platz in meinem Leben ein.
Bernard Pignero, Schriftsteller
Die malerische Welt von Ralf Altrieth – denn er hat auch eine musikalische Welt – ist eindeutig kohärent. Man kann dies überprüfen, indem man eine große Anzahl von Werken, in verschiedenen Formaten und aus mehreren jährigen Abfolgen, miteinander vergleicht. Die Evidenz drängt sich auf: Was auf einem isolierten Gemälde zunächst als Produkt einer fantasievollen Imagination erscheint, ist nur ein Element, eine Art Standbild, das aus einer imaginären Welt von reicher Fülle, aber offensichtlicher Kontinuität, entnommen wurde. Existiert diese Welt vor ihrer Offenbarung im Werk von Altrieth oder ist sie eine Konstruktion, die der Künstler im Laufe seines kreativen Prozesses entwickelt? Mit anderen Worten, ist der Künstler der Vermittler oder der Schöpfer dessen, was er zeigt? Oft versteckt sich in dieser Alternative das, was man als kreative Subjektivität bezeichnen könnte: Spricht der Künstler von seiner inneren Welt, oder von der, die wir nicht gut sehen, obwohl sie die unsere ist? Stellt er sich selbst in Szene oder interessiert er sich für uns? Es wäre vergeblich, oder wenigstens unzureichend, die Antwort in der Fülle eines bereits beträchtlichen Werkes zu suchen, obwohl diese Fülle dennoch ein wichtiges Indiz ist. Ebenso ist die Meisterschaft, mit der Ralf Altrieth mit den Formaten spielt, vom kleinsten bis zum größten, ohne Verlust der narrativen Intensität – und man kann sogar annehmen, dass monumentale Werke in seiner Reichweite wären, wenn er die Gelegenheit hätte, sie zu schaffen – ein Element, das man nicht vernachlässigen sollte. Aber man weiß, dass künstlerische Produktionen, die in der Anzahl reduziert, in ihrem Thema oder Format begrenzt sind, sich als wesentlich erweisen können. Es ist bedauerlich, dass nur noch ein Dutzend Gemälde von Vermeer zur Verfügung stehen, aber es bedarf nicht mehr, um zu wissen, dass sie einer ebenso originellen wie wesentlichen Weltanschauung entstammen.
Es ist verlockend, an der Idee festzuhalten, dass es nur eine Realität gibt: die, die wir sehen und von der wir annehmen, dass jeder sie gleich wahrnimmt. Wir akzeptieren im Grunde, dass jeder eine leicht unterschiedliche Interpretation geben kann, da klar ist, dass die Einstellung unserer Sinne nicht perfekt standardisiert ist. Die Maler hingegen haben eine lobenswerte Tendenz, diese beruhigende Gewissheit in Frage zu stellen. Ralf Altrieth gehört zu denen, die nicht nach der Ähnlichkeit mit der Realität suchen, sondern nach ihrer Notwendigkeit. Der Künstler, der sich heute bemühen würde, das zu kopieren, was er sieht, und uns somit zu beweisen, dass wir tatsächlich dasselbe sehen, wäre nur ein Verbündeter unseres natürlichen Konformismus. Auch wenn man die Stillleben legitim als einen der Höhepunkte der Kunst betrachten kann, so jedoch nur unter der Bedingung, dass die Natur darin nicht tatsächlich tot ist. Das ist ein anderes Thema.
Das Werk von Ralf Altrieth konfrontiert Sie plötzlich mit einer anderen Realität, die heute nicht mehr den Anspruch auf Originalität erhebt, sondern eine Realität, die sich als relevant aufdrängt, was viel seltener ist. Wenn man akzeptiert, dass es in Wirklichkeit nur eine Realität gibt, die Notwendigkeit des Reellen, so ist das, was uns mit unserer unmittelbaren Wahrnehmung der Welt kompatibel macht, keine spontan zugängliche Gegebenheit. Die Vorgehensweise des Künstlers, seine Mission oder manchmal seine Verfluchung besteht darin, uns greifbare Beweise dafür zu liefern. Offensichtlich verdankt Altrieths Arbeit, die einer künstlerischen Vorgehensweise und nicht einer freundlichen Mystifikation entstammt, nicht nur ihrer Kohärenz und formalen Beherrschung, sondern auch etwas mehr, das sich aufdrängt und gleichzeitig entzieht. An dieser doppelten Fähigkeit, ohne zu sagen zu offenbaren, misst sich im Allgemeinen die Kraft einer Kunst. In der Malerei von Ralf Altrieth gibt es eine Großzügigkeit, die weder militant noch didaktisch ist. Sie verurteilt nicht, sie bewertet die Welt nicht, wie sie sie in einem wunderbaren Umweg über die Evidenzen präsentiert; sie beschränkt sich darauf, sie mit ihrer eigenen Sprache zu beschreiben, bildhaft, ohne absichtlich traumhaft zu sein, farbig mit einer totalen Ungezwungenheit, aber ohne die Farbe zu einer Glaubensbekenntnis zu machen, witzig, ohne karikaturhaft sein zu wollen, fröhlich, ohne Idealismus, energisch, ohne lautstark zu sein, kurz gesagt, eine Sprache, die zutiefst menschlich ist.
Zahlreiche junge Künstler empfinden das Bedürfnis, in Serien zu arbeiten, um durch eine Reihe von komplementären künstlerischen Vorschlägen das zu variieren, was ein einzelnes Werk nicht konzentrieren könnte. Ralf Altrieth zeigt eine Reife oder eine stärkere Kraft in dem Sinne, dass, obwohl er hervorragend darin ist, Serien von kleinen Gemälden zu juxtapozieren, deren Ansammlung offensichtlich jubilatorisch ist, es überraschend ist festzustellen, dass jedes von ihnen allein seine eigene Notwendigkeit verteidigen kann. Man spürt in dieser lebendigen und bewegten Malerei, und nicht nur in den großen Formaten, ein Staunen über das Sein, eine Offenheit für alle Möglichkeiten des Lebens, eine ständige Fragestellung vor den Mysterien des Menschlichen. Man liest darin den Willen, entschlossen, aber fröhlich die Schönheit in ihren letzten Rückzugsorten zu suchen. Keine Selbstgefälligkeit, aber auch keine Dramatisierung in dieser gesunden, kraftvollen, sensiblen, mehr als sinnlichen Malerei.
Was die Frage betrifft, ob der Künstler der Vermittler oder der Erfinder der Welt ist, die er ausstellt, so ist es uns nicht gegeben, an seiner Stelle zu antworten, aber es ist uns wichtig, dass diese Welt für uns zugänglich ist und uns dazu anregt, sie weiter zu erkunden. Ralf Altrieth lädt uns dazu mit totaler Großzügigkeit ein. Ist das nicht das, was zunächst die Unterschrift eines Künstlers authentifiziert?
Stéphane CERRI, Kulturjournalist
Auch wenn es etwas vereinfacht ist, gibt es seit einem halben Jahrhundert immer eine Misstrauen der französischen Avantgarden gegenüber der Malerei und oft sogar mörderische Impulse. Eine Haltung, die bei zeitgenössischen Künstlern jenseits des Rheins nie existiert hat... Im Großen und Ganzen BMPT und Supports/Surfaces versus Polke, Richter, Kippenberger und Baselitz... Der Tod des Gemäldes gegen die permanente Flachlegung...
In diesem großen Durcheinander muss der Raum „offen sein“, denn in der „guten Malerei gibt es eine Arbeit, die vom Betrachter geleistet werden muss, sonst ist es sehr langweilig“. In einem Spiel von Tiefe, Überlagerung, mit einem Wechsel von Formen, die nach innen konvergieren oder nach außen ausgedehnt werden, mischt Ralf Altrieth die Genres, Bilder, Stile und lässt sie aufeinanderprallen. „Wie im Leben, wo wir nur Partikel sind“. In den großen, freien Leinwänden muss das Auge springen, sich festhalten, sich lösen; es wird von der Farbe, von der Energie der Geste, den seltsamen Koexistenzen, den musikalischen Rhythmen des Jazz, wo Ralf Altrieth auch als Saxophonist und Improvisationsliebhaber tätig ist, gefangen genommen.
Louis Doucet, Sammler, Kunstkritiker, unabhängiger Kurator und Mitglied von C|E|A
Seit mehreren Jahren malt Ralf Altrieth Episoden aus einer imaginären und fantasievollen Welt, die er anscheinend aus dem Nichts erschaffen hat. Aber bei genauerem Hinsehen fragt man sich, ob es sich um Reflexionen eines inneren Modus oder um eine Neubewertung einer äußeren Realität handelt? Die Frage bleibt offen… Sicher ist, dass seine Werke narrativ sein wollen, Geschichten erzählen, traurige oder komische, aber immer schräg, ja sogar verstörend oder provokant… Sie entsprechen diesem Prinzip derinneren Notwendigkeit, das von Kandinsky gefordert wurde, der schrieb: „Wer nicht von der inneren Resonanz der Form (körperlich und vor allem abstrakt) berührt wird, wird eine solche Komposition immer als vollkommen willkürlich betrachten.“
Die Gemälde von Ralf Altrieth stellen unsere Gewissheiten in Frage. Es geht, gewiss, um Realität, aber um eine Realität, die die Oberflächen, oft täuschend, unserer physischen Welt transzendiert. Als ob der Künstler mit einer radiographischen Vision ausgestattet wäre, die es ermöglicht, das Innere der Dinge zu erkunden und sich auf ihr Wesen zu konzentrieren. Deshalb vermeidet er die Falle der Karikatur, selbst wenn er versucht, witzig oder kritisch zu sein. Es handelt sich um eine Arbeit der Umdeutung – oder besser gesagt der Neuausrichtung – der perceptiven Gewissheiten zugunsten der Vision eines dritten Auges, das die Tiefen unserer Menschlichkeit erkunden würde.
Interview mit Marie de Grossouvre, Galerie Théo de Seine, Paris
Scheint es dir, dass es seit 2010 (dem Jahr der ersten Gemälde, die du der Galerie überlassen hast) eine große Entwicklung in deiner Arbeit gegeben hat?
Die ersten Gemälde, die ich in der Galerie Théo de Seine ausgestellt habe, sind sehr wichtig für meine Arbeit. Neu war vor allem das Prinzip der Übereinanderlagerung. Damit gelang es mir, ein präziseres Gemälde zu schaffen. Präziser im Sinne, dass ich es als mehr übereinstimmend mit meiner Sichtweise der Dinge empfinde. Ich habe eine Tür geöffnet. Und ich habe eine Malweise gefunden, die wirklich zu mir passt und mir ermöglicht, die Malerei weiter zu vertiefen.
Bis heute gibt es nicht wirklich eine Veränderung, aber natürlich eine Evolution, vielleicht nicht sehr groß, aber wichtig. Meine Arbeit war vor zwei, drei Jahren sehr ruhig. Der Prozess war ziemlich langsam. Heute kommen sehr impulsive Momente hinzu. Es gab damals bereits Radikalität, in dem Sinne, dass meine Leinwände während des Prozesses sehr großen Veränderungen unterworfen waren. Heute ist es ähnlich, aber es gibt variable Phasen im Tempo, unterschiedlich in der Atmosphäre. Außerdem versuche ich, mit der Farbe, der Malerei an sich und der Textur weiterzugehen. Ich möchte der Malerei wirklich völlige Freiheit lassen. Ich will sie nicht in einen Käfig sperren. Sie hat mir keine Dienste zu leisten.
Das scheint mir so, aber ist es eine freiwillige Evolution, ein Wunsch, deine Arbeit in die eine oder andere Richtung weiterzuentwickeln?
Es ist ein Bedürfnis und gleichzeitig ein Wille, denn man muss sich ja ein wenig beobachten. Und ich habe nicht wirklich Lust, mich zu reproduzieren, Variationen zu machen. Jede Leinwand ist ein neues Abenteuer und ich weiß nicht, wohin sie mich führt. Aber vor allem versuche ich, so aufmerksam wie möglich zu sein. Die Malerei lehrt mich, und diese Reflexion führt automatisch zu neuen Richtungen.
Ich habe zur Kenntnis genommen, dass du eine offizielle Ausbildung abgelehnt hast, um autodidaktischer zu lernen, aber in diesem Fall:
Befindest du dich mehr in einer Sichtweise von „art brut“, mit der Idee der „erstickenden Kultur“, wie Dubuffet sagt, oder gibt es Künstler, deren Arbeiten du dir viel ansiehst und die dich inspirieren?
Ein Hauptmotor in meinem Leben, in meiner Kunst ist die Freiheit, das Bedürfnis, frei zu sein. Ich fühlte mich außerhalb einer Bildungseinrichtung freier. Und wenn man sich die meisten Künstler anschaut, die es geschafft haben, etwas Persönliches und Innovatives zu schaffen, zeigt sich das eher durch einen Bruch mit ihrer Ausbildung. Vielleicht wollte ich damit nicht warten.
Aber es ist wahr, ich fühle mich dem Bewegung der Art Brut nahe, besonders mit Leuten wie Chaissac, den ich wirklich erst vor nicht allzu langer Zeit entdeckt habe.
Ich bin nicht wirklich gegen Kunstschulen, aber ich finde, dass sie manchmal weniger positive Aspekte für die Kunst produzieren, wie die Denkweise über eine Karriere, die Bindung an Positionen, indem man bestimmte wertschätzt und andere überhaupt nicht, usw. Man steckt alles in Schubladen, usw.
Ich selbst hätte nicht wirklich Lust zu unterrichten. Die wichtigsten Dinge lernt man, indem man das Leben beobachtet und natürlich auch andere Künstler.
Zum Beispiel, Basquiat, wenn ich versuche, deine Arbeit mit seiner zu vergleichen, sehe ich Gemeinsamkeiten, in der Art, wie man sich an die Oberfläche der Leinwand bindet, in der Suche nach einer „farblichen Harmonie“ (auch wenn sie nicht konventionell ist), für ihn musste auch die Erfahrung des Moments, in dem er malte, wichtig sein...
Aber seine Geschichte ist anders als deine, und bei dir ist eine der Unterschiede auch in den Themen, es gibt mehr Verweise auf die Welt der Kindheit, des Humors, auch wenn es in der Form etwas ziemlich Gewaltiges gibt. Was denkst du darüber?
Es gibt sicherlich Gemeinsamkeiten zwischen meiner Arbeit und der von Basquiat. Ich habe auch eine wichtige Sache in seiner Malerei gelernt, wie in der Malerei einiger anderer Maler, zu denen ich mich hingezogen fühle: es ist die Radikalität. Ich versuche, die Malerei weiter zu treiben. Malerei ist etwas Größeres als ich. Die Radikalität ermöglicht es, weiterzugehen, sich zu lösen, mehr zusehen. Ich finde heute, dass ich beim Malen von Leinwänden mich selbst erschaffe. Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob mir die Malerei gefällt oder nicht. Es ist eher eine Frage der Genauigkeit. Und jetzt komme ich auf deine Frage zurück. Die Themen kommen von selbst. Basquiat hatte als Kind ein Buch über Anatomie bekommen, - ich glaube, er war damals im Krankenhaus. Meine Themen kommen von woanders. Und ich wohne nicht in New York und habe keine Lust, harte Drogen zu konsumieren. Ich finde das Leben an sich wunderschön, auch wenn es sicher schreckliche Dinge in dieser Welt gibt. Aber das hat nichts mit dem Leben zu tun. Ich kann keine dunklen Dinge in meinen Leinwänden lassen (auch wenn ich das manchmal sehr gut schaffe, aber ich möchte das nicht so lassen.)
Ja, die Kindheit und der Humor sind sehr nah an der Freiheit. Als Kind rechnet man nicht, man ist. Das ist Freiheit, auch wenn man gezwungen ist, einige Dinge zu lernen. Und Humor ist das perfekte Mittel, um Distanz zu halten, um eine Distanz zu schaffen. Ich habe das Gefühl, dass, wenn man sich immer mehr von sich selbst entfernt, man sich letztendlich mehr als je zuvor sich selbst nähert.
Außerdem denke ich, dass es etwas Dada in deiner Arbeit gibt, sowohl in dieser Art, Text in die Gemälde einzufügen (sagen wir, die Dadaisten haben das als erste viel gemacht) als auch in diesem Willen, den Betrachter nicht in Ruhe betrachten zu lassen, sondern ein Gemälde zu schaffen, das in Bewegung, im Chaos, manchmal gewalttätig (wie unsere Gesellschaft) ist und ihn zwingt zu reagieren. Ist das auch eine Verwandtschaft, die du erkennst oder nicht?
Ich erkenne da eine Verwandtschaft, aber ich muss zugeben, dass ich mir dessen nicht allzu bewusst war. Der Dadaismus hat einen starken Eindruck auf mich gemacht, als ich jung war. Besonders mit Kurt Schwitters und Max Ernst. Auch hier: Bewegung und Gewalt sind sehr wichtige Parameter für die Malerei. Sie ermöglichen es, präzise zu sein, auch wenn das Erscheinungsbild das Gegenteil suggeriert.
Sonst gab es 2010 nur „ohne Titel“. Ist der Titel jetzt ein Akteur?
Heute finde ich, dass eine Leinwand einen Titel verdient. Außerdem ist es technisch viel einfacher, die Dateien, die Bilder zu verwalten, um zu kommunizieren usw. Aber der Titel ist nicht wirklich ein Akteur, er setzt sich durch wie eine Form, wie eine Farbe. Es ist etwas, das am Ende zur Leinwand hinzugefügt wird, manchmal sogar ein wenig vorher, manchmal muss es korrigiert werden, ein bisschen wie eine zu grelle oder zu matte Farbe usw. Manchmal ist es notwendig, ihn direkt in die Malerei zu integrieren, nicht immer, nicht zu oft. Schließlich erklärt er nichts. Es ist wie etwas Poetisches als Ergänzung (und da glaube ich, dass wir Max Ernst oder andere erreichen). Und in diesem Sinne wird er vielleicht zum Akteur.
Es gibt auch sicherlich das Format, das deine Suche verändert?? (Das merke ich in den 3 Spalten, die ich gemacht habe)…
Noch an der Kunsthochschule in Nürtingen, ich war 21 Jahre alt, habe ich sehr früh mit großen Formaten begonnen. Ich habe sofort die Leinwände gemocht, die sich aufdrängen, die da sind. Das sind große Dinge, sie sprechen einen an, man ist verpflichtet, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich bin sehr froh, dass ich das wiederentdeckt habe. Ich hatte die großen Formate ein wenig aufgegeben, weil es schwer war, mit ihnen umzuziehen. (Ich habe sie nicht immer so schnell verkauft wie heute). Ich bin in meinem Leben oft umgezogen. Aber das hatte auch einen Vorteil. Ich glaube, so habe ich gelernt, die Malerei auf kleinen Formaten zu erfolgreichen. So ist es.